Ein Haus mit Herkunft

Das IG Metall Bildungszentrum Beverungen ist kein beliebiger Ort gewerkschaftlicher Bildung. Wer seine Geschichte ernst nimmt, versteht schnell: Dieses Haus trägt bis heute die Spuren der Holz- und Kunststoffindustrie. Diese Verbindung ist nicht zufällig entstanden, sondern historisch gewachsen. Beverungen war lange Zeit eine Schulungs- und Erholungseinrichtung, die mit der Gewerkschaft Holz und Kunststoff verbunden war; die IG Metall beschreibt das Haus selbst als Einrichtung, die lange in Kooperation mit der Gewerkschaft Holz und Kunststoff geführt wurde.

Die GHK: Branchenidentität und gewerkschaftliche Praxis

Der Ursprung liegt in der früheren Gewerkschaft Holz und Kunststoff, kurz GHK. Sie war eine eigenständige DGB-Gewerkschaft und organisierte die Beschäftigten in der Holz- und Kunststoffverarbeitenden Industrie. Ihr Kern lag nicht bei der Rohstoffgewinnung, sondern in der industriellen Weiterverarbeitung: Möbel, Bauteile, Holzwerkstoffe, Verpackungen, Kunststoffprodukte und technische Teile. Gerade diese Betriebe waren häufig kleiner, regional verwurzelt und tarifpolitisch anspruchsvoll. Darum brauchte und braucht diese Branche eine eigene gewerkschaftliche Sprache, eigene Bildungsangebote und Orte, an denen Betriebsräte, Vertrauensleute und aktive Kolleginnen und Kollegen ihre Erfahrungen bündeln konnten und können.

Beverungen wurde zu einem solchen Ort. Das Haus stand für eine Bildungsarbeit, die nah an den Betrieben war. Hier ging es nicht nur um Paragrafen, sondern um betriebliche Wirklichkeit: Akkord- und Leistungsfragen, Arbeitszeit, Eingruppierung, Arbeitsplatzbeschreibung, Tarifbindung, Rationalisierung, Mitbestimmung und die Frage, wie Beschäftigte in oft mittelständisch geprägten Betrieben handlungsfähig werden. Das machte Beverungen zu mehr als einem Seminarstandort. Es wurde zu einem Branchenhaus – einem Ort, an dem sich die Kolleginnen und Kollegen aus Holz und Kunststoff wiedererkannten.

Integration in die IG Metall: Kontinuität statt Bruch

Historisch wichtig ist die Integration der GHK in die IG Metall zum 1. Januar 2000. Diese Integration war Teil einer größeren Fusionswelle innerhalb der DGB-Gewerkschaften in den 1990er Jahren. Die Gewerkschaft Textil-Bekleidung ging bereits 1998 zur IG Metall, die Gewerkschaft Holz und Kunststoff folgte zum 1. Januar 2000. Die IG Metall beschreibt diesen Vorgang ausdrücklich als Integration beziehungsweise Fusion: Die GHK löste sich auf und wurde in die IG Metall integriert. Damit wurden nicht nur Mitglieder übernommen, sondern auch Tarifverträge, Erfahrungen, Netzwerke und politische Traditionen.

Besonders bedeutsam war dabei die tarifpolitische Kontinuität. Die bisherigen Tarifverträge sollten nicht ins Leere laufen. Deshalb wurden Überleitungsvereinbarungen abgeschlossen, mit denen die IG Metall in bestehende Tarifverträge eintrat und Rechte sowie Pflichten übernahm. Für die Beschäftigten war das entscheidend: Die alte Gewerkschaft verschwand organisatorisch, aber ihre tariflichen Errungenschaften und ihre Branchenidentität sollten erhalten bleiben. Genau hier liegt der Kern der Beverunger Geschichte: Das Haus wurde nicht einfach „umetikettiert“. Es brachte eine gewachsene Kultur in die IG Metall ein.

Politische Anerkennung der Branche

Zu dieser Geschichte gehören Menschen, die diese Verbindung politisch, fachlich und persönlich getragen haben. Einer der wichtigen Namen ist Wolfgang Rhode, der frühere stellvertretende Vorsitzende der GHK. Seine Einbindung in den engeren Führungsapparat der IG Metall machte deutlich: Die Holz- und Kunststoffbranche wurde nach der Integration nicht bloß verwaltet. Sie wurde politisch ernst genommen und in die Strukturen der IG Metall hineingeholt. Auch die zunächst fortbestehenden Tarifkommissionen waren ein wichtiges Signal. Sie gaben den Kolleginnen und Kollegen Sicherheit: Die bisherigen Erfahrungen, Kämpfe und tarifpolitischen Kompetenzen dieser Branche verschwanden nicht.

Tarifpolitische Bildung als gelebte Praxis

Ein weiterer prägender Name für die Bildungsarbeit in Beverungen ist Michael Bexen. Er steht für eine Phase, in der tarifpolitische Bildung in der Holz- und Kunststoffindustrie sehr konkret an den betrieblichen Fragen ansetzte. Über viele Jahre gestaltete er Seminare und Klausuren zu Leistungsbewertung, Eingruppierung und Arbeitsplatzbeschreibungen. Damit arbeitete er an genau den Punkten, an denen Tarifpolitik im Betrieb spürbar wird: bei der Bewertung von Arbeit, bei gerechter Eingruppierung, bei nachvollziehbaren Tätigkeitsbeschreibungen und bei der Frage, wie Leistung gemessen, vergütet und kontrolliert wird.

Besonders wichtig war seine Rolle bei der Umstellung von Akkordlohn auf Prämienlohn in vielen Betrieben der Holz- und Kunststoffindustrie. Solche Umstellungen waren nie rein technisch. Sie berührten Machtfragen im Betrieb: Wer legt Leistung fest? Wer kontrolliert die Vorgaben? Wie wird verhindert, dass Beschäftigte unter Druck geraten? Und wie kann eine neue Entgeltmethode so gestaltet werden, dass sie transparent, überprüfbar und tarifpolitisch fair bleibt? Michael Bexen begleitete diese Prozesse mit fachlicher Tiefe – unter anderem über das Gaußsche Modell nach REFA-Methodik. Damit wurde messbare Leistung nicht einfach als Druckinstrument verstanden, sondern als gestaltbarer Gegenstand betrieblicher Interessenvertretung.

Gerade darin lag die Stärke dieser Bildungsarbeit: Sie verband methodisches Wissen mit gewerkschaftlicher Haltung. Es ging nicht nur darum, Formeln, Modelle oder Arbeitsplatzbeschreibungen zu verstehen. Es ging darum, Betriebsräte und Vertrauensleute so stark zu machen, dass sie Entgeltsysteme durchschauen, bewerten und im Sinne der Beschäftigten verhandeln konnten. Beverungen wurde dadurch zu einem Ort, an dem betriebliche Praxis, Tarifpolitik und Bildung unmittelbar zusammenkamen.

Michael Bexen prägte zudem die Kultur des Hauses. Öffentlich belegt ist, dass er 2017 bei einer Kulturveranstaltung in der Spinnstube moderierte, den Sound betreute und sich um die Veranstaltung kümmerte. 2023 wurde er als „Herz, Kopf und Seele der KulturZeit“ im Bildungszentrum Beverungen bezeichnet. Das passt gut zu Beverungen: Bildung war hier nie nur Unterricht. Sie war auch Begegnung, Kultur, politisches Gespräch, Musik, Haltung und Gemeinschaft. Genau diese Mischung machte das Haus für viele Kolleginnen und Kollegen besonders.

Tradition übersetzen: Beverungen heute

Diese Tradition wird heute weitergetragen. Seit Januar 2024 steht Lars Wetzel in Beverungen für die tarifpolitische Bildung und für die Nachfolge von Michael Bexen im Bereich Holz und Kunststoff. Auch wenn die Tarifpolitische Bildungsoffensive im Jahr 2027 endet, bleibt Lars Wetzel weiterhin im Bildungszentrum Beverungen tätig. Damit bleibt auch die Aufgabe bestehen, die Tradition der Holz- und Kunststoffbranche im Haus zu bewahren, weiterzuentwickeln und in die Gegenwart zu übersetzen.

Das ist keine einfache Museumsarbeit. Die Branche verändert sich: Digitalisierung, neue Produktionsmethoden, Fachkräftemangel, Transformation, Kostendruck, neue Entgeltfragen und Angriffe auf Tarifbindung stellen Betriebsräte und Aktive vor neue Herausforderungen. Gerade deshalb braucht es einen Ort wie Beverungen. Einen Ort, an dem das alte Wissen über Akkord, Prämie, Eingruppierung und Leistung nicht verloren geht – und zugleich mit heutigen Konflikten verbunden wird.

Auch heute ist die Verbindung sichtbar. In Nordrhein-Westfalen vertritt die IG Metall rund 31.000 Beschäftigte in der Holz- und Kunststoffverarbeitenden Industrie sowie weitere Beschäftigte in der Kunststoffindustrie Lippe. Zu den Branchen gehören unter anderem Möbelindustrie, Baubedarf aus Kunststoff und Holzindustrie mit einem regionalen Schwerpunkt in Westfalen. Das passt zu Beverungen: geografisch, politisch und kulturell. Das Bildungszentrum liegt in einer Region, in der Holz, Möbel und Kunststoffverarbeitung eine lange industrielle Bedeutung haben.

Beverungen als Gedächtnisort und Zukunftsort

Beverungen ist deshalb bis heute ein Symbol für eine besondere gewerkschaftliche Leistung: Integration ohne Auslöschung der Herkunft. Die GHK ging organisatorisch in der IG Metall auf, aber ihre Themen, ihre Menschen und ihre Bildungsorte verschwanden nicht. Sie wurden Teil einer größeren Industriegewerkschaft. Aus einer Fachgewerkschaft wurde ein Teil der IG Metall – und Beverungen wurde zu einem Ort, an dem diese Geschichte weiterlebt.

Wenn man heute fragt, warum Beverungen mit der Holz- und Kunststoffindustrie verbunden ist, lautet die kurze Antwort: Weil dieses Haus aus der praktischen Bildungsarbeit dieser Branche gewachsen ist. Die genauere Antwort ist politischer: Beverungen steht für die Erkenntnis, dass Gewerkschaft nicht nur aus Satzung, Tarifvertrag und Organisation besteht. Gewerkschaft lebt von Orten, an denen Kolleginnen und Kollegen lernen, streiten, lachen, zweifeln, Mut fassen und gemeinsam stärker werden.

Genau das ist der eigentliche Wert dieses Hauses. Beverungen ist nicht nur ein Bildungszentrum der IG Metall. Beverungen ist ein Gedächtnisort der Holz- und Kunststoffbranche – und zugleich ein Zukunftsort für solidarische, demokratische und handlungsfähige Interessenvertretung. Beim 75-jährigen Jubiläum wurde diese Haltung ausdrücklich betont: Menschen stärken, solidarisch, demokratisch, diskriminierungsfrei, praxisnah und auf Augenhöhe.

In dieser Linie stehen Wolfgang Rhode, Michael Bexen und heute Lars Wetzel auf unterschiedliche Weise: Rhode für die politische Integration der Branche in die IG Metall, Bexen für die fachliche und kulturelle Prägung der HuK-Bildungsarbeit in Beverungen, Wetzel für die Aufgabe, diese Tradition seit 2024 im Bildungszentrum Beverungen weiterzuführen. So bleibt Beverungen, was es historisch geworden ist: ein Haus der Holz- und Kunststoffindustrie – und ein Ort, an dem Tarifpolitik lebendig bleibt.